Trügerische Freude

Am Tag danach scheint alles klar. Der Schulz-Effekt ist Geschichte, der weitestgehend mediengetriebene Hype verglüht mit äquivalenter Geschwindigkeit seines kometenhaften Anfangs. “Erst Saarbrücken, dann das Kanzleramt” schreibt Zeit Online, faz.net freut sich über den “Merkel-Effekt”.

12 Years a Slave

Betrachtet man die Geschehnisse jedoch jenseits jedweder überhöhten Erwartung, so hat die SPD innerhalb zweier Monate etwa 5 Prozent wettgemacht, letzte Umfragen sprachen der Partei 2 Prozentpunkte mehr, 32, zu. Ohne Schulz stünde die CDU gegebenenfalls mit absoluter Mehrheit da. Lediglich um die zwei Prozent weniger als erhofft, eine Abweichung, die sich hinreichend mit dem wenig bedachten Amtsinhaber-Bonus erklären lässt – ein Faktor, der von zahlreichen Medien sträflich ignoriert wurde. Unverständlich, war er doch bereits in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg der entscheidende Faktor für mehr oder minder Personenwahlen fernab jedweder tiefgründigen inhaltlichen Debatte. Diesen elementaren Vorteil einer solide regierenden Amtsinhaberin zu ignorieren, ist größtenteils der journalistischen Nachlässigkeit zuzuschreiben, welche seit Ankündigung Schulz‘ Kandidatur grassiert. Offenbar entluden sich 12 Jahre Berichterstattung über eine Kanzlerin Merkel, die euphemistisch ausgedrückt durch eine in jeder Hinsicht relative Politik glänzt, derart massiv, dass die Überhöhung des Kandidaten Martin Schulz nur durch unkontrollierte Endorphin-Ausschüttungen erklärbar scheint. Gleichwohl auf einem berechtigten Fundament basierend, einer tatsächlichen Alternative für Deutschland durch Martin Schulz und eben nicht durch braune Wutbürger, so ließen die Märchengeschichten aus Würselen und unreflektierten Übernahmen von Begrifflichkeiten wie „Gottkanzler“ jegliche Distanz vermissen. Das stärker der Berichterstattung denn biederen Jusos zuzuschreibende Martin-Schulz-Wunderland erklärt zugleich, wieso nun alles verloren scheint – die gegenwärtig postulierte Fallhöhe ist reines Resultat einer überdrehten Medienkonstruktion.

Donald und das Saarland

Jenes Konstrukt steht mittelbar auch in einem Zusammenhang zu der hysterischen Weise, mit Donald Trump und anderen Fantasten umzugehen. Täglich eine neue silikongeladene Tochter mit Zugang zu Staatsgeheimnissen, der nächste Golfausflug des Donald, eine weitere Zusammenkunft weißer, alter Chauvinisten hinsichtlich eines Gesetzesvorschlags. Während niemand die Aufmerksamkeitsökonomie derart gemeistert hat wie Donald Trump und dies auch für Teile der AfD zutrifft, unabhängig ihrer verfassungsfeindlichen Programmatik, so schwärmen demokratisch geneigte Sender wie CNN von den Quoten des Wahljahres 2016. Ungeachtet seiner offensichtlichen Sympathien für die Clinton-Dynastie profitierte der Sender massiv von der Mobilisierung eines Donald Trump, dem auf diesem Weise milliardenschwere, kostenlose Werbung zuteilwurde. Die seit dem US-Wahlkampf herrschende Aufladung jeder Nebensächlichkeit, die mangelhafte Priorisierung gehaltvoller Meldungen hat selbstredend auch deutsche Redaktionen beeinflusst. Auch sie sind teils dem Glauben verfallen, nur in der Spannweite der Extreme und Skandale bestehen zu können. Hier eine medienwirksame Ausladung eines Pressevertreters zu AfD-Veranstaltungen, dort der Hertha-Fußballer, welcher unbeabsichtigt für ein Foto mit einem Berliner Vertreter derselben Partei hinhält – inwieweit dies von gesamtpolitischer Relevanz ist, bleibt ungeachtet, zumal überdurchschnittliche Werbeerlöse mit derlei Meldungen erzielt werden.

In diese hysterische Zeit Trumps Amtsantritt fiel die Nominierung Schulz‘, der folglich nur der Erlöser der Sozialdemokratie sein konnte, nur souveräner Sieger jeder Schlacht, die es zu bestreiten galt. Dementsprechend bleiben die 5% Prozent Zugewinne seit Januar im Saarland irrelevant, das Skript duldet keine Abweichung strikten Schwarz-Weiß-Denkens, Schulz ist gefallen. Eine nüchterne Analyse eines abgeschwächten Einflusses Schulz‘ auf das Wahlergebnis ohne die medial nahezu eingeforderten Heilsergebnisse darf nicht existieren, wenngleich in Schleswig-Holstein und NRW SPD-Amtsinhaber aller Voraussicht nach eine Bestätigung erfahren werden. Dieser aufgedrehten Stimmung ist gleichermaßen die absurde Aufladung des Saarlands anzulasten, welches plötzlich Nordrhein-Westfalens Rolle als Wegbereiter der Bundeskoalition einzunehmen scheint. Selbst ein Zustandekommen einer Rot-Roten Regierung wäre kein berühmt-berüchtigtes „Signal“ gewesen, sondern Resultat der „Lafontaineschen“ Stärke der Linken im Saarland, und somit nicht unmittelbar übertragbar auf die Bundeswahlen im September.

Aufstieg des Abwärtstrends

Allerdings betreffen die Fehleinschätzungen nicht allein das SPD-Resultat, sondern auch den wohl miserabelsten AfD-Verband bundesweit. Jener schien bereits aufgelöst, doch das Bundesschiedsgericht der AfD widersprach der Forderung des Bundesvorstands um Auflösung – ungeachtet eines Rudolf Müllers, der nationalsozialistische Orden im Rahmen seines Antiquitätengeschäfts verkauft hat, sowie des „Landesvaters“ Josef Dörr, welcher den Vorstand nach Vorbild allseits bekannter Autokraten-Vorbilder mit Verwandtschaft bestückt und nicht wie in anderen Landesverbänden verdeckt, sondern offen den Kontakt zu Rechtsextremen und Neonazis sucht. Dieser desaströse Landesverband also, den selbst im kleinsten Flächenland nur 2/3 der eigenen Anhänger positiv werten, schafft weitestgehend mühelos den erstmaligen Einzug in den Saarländischen Landtag, jenseits der 6 Prozent. Dieser Verband also, dem selbst der eigene Bundesvorstand „erhebliche Zweifel“ entgegenbringt, gelangt mühelos in eine Position, die unter anderen Umständen als Mehrheitsbeschaffer à la Grüne oder FDP fungieren könnte, freilich bestehen jenseits der Rechtsaußen-CDU in Sachsen wenig Allüren, mit der AfD zu koalieren. Dennoch ist es erstaunlich, wie gehäuft von „nur“ sechs Prozent die Rede ist – wenn mit derartig katastrophaler Außendarstellung und inneren Abläufe noch ein derartiges Protestpotenzial abgerufen werden kann, was nimmt der gemeine Journalist als Normalzustand hin? Eine sich halbwegs gemäßigte gebende AfD erreicht folglich ohne Mühe zweistellige Bereiche? Zumindest verbleibt das als logische Schlussfolgerung der Analyse des AfD-Ergebnisses. Teilweise entspricht dies bedauerlicherweise tatsächlich der Wirklichkeit, betrachtet man die Umfrageergebnisse in ehemals ostdeutschen Bundesländern, bei denen die Partei konstant in Bereichen von oder gar über 15-20 Prozent landet. Ein „Abwärtstrend“ ist moderat spürbar, in der Tat, bundesweit lag man zuletzt erstmal wieder in hohen einstelligen Bereichen. Das Saar-Ergebnis ist angesichts der Umstände jedoch erstaunlich hoch und nicht niedrig ausgefallen, und besitzt abermals wenig Aufklärungspotenzial für Bundesverhältnisse. Einfacher ist jedoch die unreflektierte Schlussfolgerung, dass es nun klar abwärts gehe bei der AfD, einfacher ist kurzerhand das Beenden des selbst kreierten und befeuerten „Schulz-Effekts“. Mit sachlicher Analyse haben diese Betrachtungen wenig zu tun.

Trügerische Freude