Fick Dich YouTube – eine Abrechnung

Deutscher-Webvideopreis

Vor einiger Zeit veröffentlichte ‚BeHaind‘ die sogenannte ‚Beschandsaufnahme‘ YouTubes – wenige Monate zuvor hatte er offenbart, mit YouTube im bisherigen Sinne aufhören zu wollen, und nur noch sporadisch hochzuladen – dafür aber qualitativ hochwertiger. Damit sind wir direkt beim Dilemma: Ein in der Szene gut verdrahteter, bisher inhaltlich eher unangenehm aufgefallener, ehemaliger GIGA-Redakteur – die deutsche Hölle qualitativen Videospieljournalismus‘ – verkündet seine wundersame Wandlung vom Saulus zum Paulus. Und lädt im Anschluss so hochklassigen Content wie ‚die coolsten Spiele-Features 2015‘ oder auch ‚die größten Enttäuschungen 2015‘ hoch. Der Begriff Content, zu deutsch Inhalt, ist da doch sehr schmeichelhaft.

Unumstritten ist der Umstand, dass es weitaus unreifere und verachtenswertere YouTuber als BeHaind gibt, auch hat er durchaus hochwertige Beiträge wie die ‘Hainblicke’ produziert – allein:

Kurz nach der moralischen Selbst-Reinkarnation ist besagter Herr schon wieder den fatalen YouTube-Mechanismen verfallen, in denen er sich jahrelang offensichtlich gerne suhlte – ein Sinnbild für eine Plattform, die es nicht mehr wert ist, ihr Beachtung zu schenken.

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Eine Bestandsaufnahme der wertvollen Inhalte David Hains.

„It seemed to many involved that everything was moving backwards, vlogs were becoming monetised and videos were becoming more like TV again.“

 

Dabei war sie mal urtypisch Internet: Mach etwas und zeige es der Welt. Uneingeschränkt, offen, mitunter kurios. Es braucht an dieser Stelle nicht das ausgelutschte Katzenvideo-Beispiel, um darzulegen, was wieso (nicht) Erfolg in diesem Zwischennetz hat.

Google übernahm bereits 2006 ein Jahr nach dem Start der Videoplattform das Unternehmen, und führte im darauffolgendem Jahr das berühmt-berüchtigte Partnerprogramm ein. Erstmals konnte auf YouTube Geld verdient werden. Damals noch eine Art Legendenstatus, für ebenso bizarre wie erfolgreiche Figuren wie nigahiga, heute kaum noch relevant – jede virtuelle Schmeißfliege kann einzelne Videos monetarisieren, und sich an den 70, 80 Cent pro 1000 Werbeimpressionen brüsten, der helle Wahnsinn.

Ich empfehle an dieser Stelle diesen interessanten Artikel über die erste Welle von YouTubern, die man heute wohl nicht mehr als YouTuber kategorisieren würde. Schon damals, zur Weichenstellung des Videodienstes mit den Anfängen der Monetarisierung von Videos, erkannte diese erste Generation von Uploadern nahezu prophetisch die Zeichen der Zeit – „It seemed to many involved that everything was moving backwards, vlogs were becoming monetised and videos were becoming more like TV again.“

Wohlgemerkt vor der Inflation von sogenannten Partnern oder gar dem Einfluss riesiger Medienkonzerne in Form der Netzwerke, deren Absichten der Tonalität ihres Sammelbegriffs in wenig nachstehen.

Es war von da an ein schleichender Prozess, die Kommerzialisierung schritt unaufhaltsam voran.

Vormals existierten noch strenge Kategorien wie News, Technik, Gaming, oder Sport, die jeweils nationale Rankings hatten – ein guter Beitrag zur Installation von Software XY oder eine kontroverse, anregende Meinung, und ein Video hatte Potenzial, zumindest innerhalb dieses Medaillenrankings zu landen. Zwar nicht unbedingt auf den vordersten Plätzen, jedoch erhielt der betreffende Kanal für jeden sichtbar etwa die Medaille #54 Tech Germany, welche sich auch im Ranking der Kategorien widerspiegelte.

Allerdings gab es zu keinem Zeitpunkt eine Umsetzung YouTube-eigener Regeln: inzestiös anmutende, vermeintliche News über die Schwangerschaft von YouTuber XY landeten fröhlich-feucht im Feld Politik, ohne dass es jemanden störte. Dieser Missbrauch der Kategorien wird bis heute exzessiv betrieben, allerdings mündeten diese in dem Armutszeugnis Trends, das wie selbige auf Twitter einer virtuellen Kloake entspricht. Eine mögliche Analogie wäre ein Netflix, welches einem nur Richterin Barbara Salesch, Mitten im Leben sowie Berlin Tag & Nacht auf der Startseite anzeigt. Der einzige Nutzen, welcher daraus zu ziehen ist, sind todsichere Empfehlungen, welche Art von Inhalt man auf jeden Fall ignorieren sollte, um ein kollektives Gehirnzellensterben vorzubeugen.

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YouTube Trends – Symbolbild.

Jahrzehntelange Pionierarbeit des Internets, um dann im Webvideobereich bei staubtrockenen, rückwärtsgewandten TV-Strukturen zu landen.

 

Wie so vieles zeigen die Trends auf, wo die Reise hingehen soll, mal weg vom dem menschlichen Abfall, der sich dort präsentiert. YouTube will dir aufzwingen, was du gucken sollst – ein unerfahrener User startet ohnehin nicht mit seinen persönlich ausgewählten Abonnements, sondern mit der ähnlich schlimmen Startseite. Jeder Kanal enthält sogenannte Beliebte Kanäle – dort werden allerdings nur die Giganten der Szene empfohlen, die ohnehin keiner Werbung mehr bedürfen. Kanäle, die sich verweigern, diese trügerischen Empfehlungen auf ihrem Channel anzuzeigen, werden nicht in eben jenen empfohlen. Ein perfides Spiel.

Waren früher noch die abonnierten, individuell ausgewählten Uploader die einzig relevante Bezugsquelle der YouTube-Seite, so tut YouTube alles dafür, dem gemeinen User die größten Algorithmus-Huren aufzudrängen, und schert sich nicht um User-Vorlieben. Überhaupt, der Algorithmus: Der wohl größte Sklavenherr des Internets und zugleich Grabesträger jedweder Sichtbarkeit qualitativen Contents.

Nicht nur, dass ein erhebliches Streamlining seitens YouTube herrscht, sei es durch harmlos anmutende ‚Kanal-Tipps‘, die einem nahelegen, wie man was hochlädt, oder gar durch das in London befindliche ‘YouTube Studio’ / wahlweise auch ‘Creator Space’  – quasi die physische Indoktrination auf dem goldenen Pfad zum Algorithmus-Rektum. Wie man organisierte Zusammenkünfte auf Augenhöhe veranstalten kann, zeigte Jo Cognito alias Videoamt schon vor Jahren mit seinem YouTuber Congress, der genau das war: Ein Kongress Gleichgesinnter, mit Fokus auf intensivem Austausch und tiefen Vorträgen. Praktisch das Gegenteil des Webvideopreises, oder der Potenzierung kreischender 12-Jähriger, auch bekannt als YouTubertreffen. Bei Letzteren wird die Distanz und Herabwürdigung seitens der sogenannten ‚Influencer‘ auf ihre Zuschauerschaft deutlich, wie in vielen anderen Bereichen auch, muss der Begriff Fan hier in all seiner tendenziellen Implikation von Abschaum und Verachtung begriffen werden. Viel mehr als Autogramm- und Selfiemaschinen, stellen die größtenteils Schüler nicht dar bei diesen grausamen ‚Fantreffen‘. Der hinter verschlossenen Türen schon oft gefallene Begriff des Klickviehs manifestiert sich in wenigen Momenten deutlicher.

Aber zurück zur Knechtschaft durch die mehr oder minder geheimen Systematiken hinter YouTube – den nichts anderes versteckt sich hinter dem etwas abstrakten Begriff des Algorithmus. Im Grunde verbergen sich dahinter all jene Faktoren, die ausmachen, warum der durchschnittliche Nutzer was empfohlen, vorgeschlagen, angezeigt bekommt. Wie bereits angerissen, ist sich YouTube in der Hinsicht für nichts zu schade, und hat praktisch jedes Fragment ihrer Plattform mit ‚Empfehlungen‘, ‚Ähnlichen Videos‘, oder sonstigen Euphemismen ihres Content-Diktats vollgestopft. Es beginnt mit der beschämenden Startseite und endet mit den Tafeln auf beendeten Videos.

Sich diese Logik des Algorithmus weitestgehend untertan zu machen, haben sich die Netzwerke aufs Banner geschrieben. Hinter ihnen stecken wie etwa bei Studio71 keine freshen, authentischen YouTuber, sondern altbackene Medienkonzerne, in diesem Fall Pro7/Sat1.

Die Folge: Nicht nur YouTube, auch und gerade die Netzwerke forcieren ein massives Streamlining auf allen Ebenen. Feste, regelmäßige Formate sind absolut Pflicht, gar sogar zu den exakt gleichen Uhrzeiten und Wochentagen, das wolle der Zuschauer. Jahrzehntelange Pionierarbeit des Internets, um dann im Webvideobereich bei staubtrockenen, rückwärtsgewandten TV-Strukturen zu landen – fantastisch.

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Video killed the TV killed the video star?

Ein potenzielles Unwort ist auch die sogenannte ‚Crosspromotion‘ – entstand eine Kooperation verschiedener YouTuber in Anfangszeiten vordergründig aus einer gewissen Deckungsgleichheit an Inhalten und Ideen heraus, so tauchen mittlerweile die immer gleichen Gestalten auf den zufälligerweise demselben Netzwerk angehörenden Kanälen auf, um die Masse an klickwütigen Schülern möglichst effektiv auf alle Beteiligten umzuverteilen, und somit die oft beschworene Reichweite zu erhöhen.   Von den unsagbaren ‚Let’s Play Together’s‘ – ein wahsinnig kreativer Formatname im Übrigen – bis hin zum Hochstapler Christoph Krachten aka clixoom, der in jedem zweiten Mediakraft-Musikvideo einen Cameoauftritt ableisten durfte, um sich seiner selbst zu ergötzen.

 

Jener betreibt, am Rande erwähnt, aktuell einen Wissenschaftskanal, nachdem er sich im Unfrieden von Mediakraft trennte. Er scheint sich nach seinen bodenlos niveauarmen Clickbait-Interviews einen bemerkenswerten Fundus an Wissen angeeignet zu haben – es gibt weniger höher qualifizierte Wissensvermittler als seine Herrlichkeit Herr Krachten persönlich, daher sei ihm bei seinem YouTube-Galileo nur das Beste gewünscht.

Zurück jedoch zu den Formaten, die ohnehin keinen allzu kleinen Teil der Problematik ausmachen – werden Videos noch um der Videos willen hochgeladen, oder um einen neuen DM Haul rauszuhauen? Inwiefern haben Top 5, 10 oder welche Zahl auch immer Rankings irgendeine Relevanz? Und warum zwingen Netzwerke ihren je hundert bis gar tausenden Mitgliedern so engstirnige, für das Internet atypische Formen auf?

Das Recycling dieser ewig gleichen, kleingeistigen Formate hat mittlerweile bizarre Züge angenommen – man könnte ein Spiel daraus erstellen, welcher YouTuber mit 100.000+ Abonnenten noch keine – ganz originellen – Hatekommentare vorgelesen, ein FAQ veranstaltet oder irgendwelche trivialen Einkäufe vorgestellt hat – natürlich ganz ohne kommerziellen Hintergrund. Oder noch besser, direkt die 50.000€ werte Schleichwerbung  für das neue Samsung Handy, wie die sympathischen Freunde von Ytitty, ganz subtil in einen Festivalbericht miteinstreuen.

Problematisch sind hierbei wie so oft die langsamen Mühlen der Justiz, die der Digitalisierung nicht standhalten (können). Dabei wäre es unter anderem auch essenzielle Aufgabe des Jugendschutzes, Minderjährige vor der massiven Beeinflussung durch Schleichwerbung, Branded Content oder Produktplatzierung zu schützen. Auch offene Antisemiten, wie der im Namen äißerst subtil angedeutete Lets Player SibstLP, dürfen ungestraft Volksverhetzung betreiben, und das im Rahmen harmlos wirkender Minecraft-LPs, die sich potenziell politisch ungebildete 11-Jährige ansehen.

Es muss hierbei betont werden, dass Werbung eine Alltagserscheinung mit erheblicher Berechtigung ist – man denke allein an das vielfältige Engagement lokaler Unternehmen in dörflichen Umgebungen, die etwa beim Fußballverein oder Stadtfest Präsenz zeigen, und damit nicht nur unterstützen, sondern auch ursächlich werben. Zumal ist der Schritt hin zu Marketingformen in allen Auswüchsen, hin zu mehr Unabhängigkeit von der Plattform YouTube, nur folgerichtig: Die Anzeigeeinnahmen sind seit Jahren mit im Keller noch unzureichend beschrieben, der AdSense Werbemarkt Googles wurde durch die Milliarden monetarisierter WordPress-Blogs und Videos überschwemmt und bietet vieles, jedoch keine sichere oder gar wachsende Einnahmequelle, im Gegenteil.

Ohne Anspruch auf Richtigkeit entsprechen 1 Millionen Aufrufe oft nicht einmal mehr 1.000€, Schwankungen ergeben sich aus Vertrag mit dem Netzwerk, Genre und Gestaltung der Videos. Es ist daher nicht zu verdenken, dass YouTube für die großen Player kein Lebensunterhalt, sondern vielmehr ein Schaufenster für etliche Selbstvermarktungsmittel geworden ist. Die Gefahr online besteht allerdings aus der brisanten Kombination aus den rechtlichen Grauzonen sowie einem jungen, beeinflussbaren Publikum, welches kaum empfänglicher für Werbebotschaften und -maßnahmen jedweder Art sein könnte.

Übrigens ist vieles, was man als regelmäßig wiederkehrende Kategorie bei bekannten Größen kennt, aus dem englischsprachigen Raum geklaut, etwa „XY reads mean tweets“. An was erinnert das? Fernsehen.

Eine TV-Produktion und ein Video eines YouTubers unterscheiden sich nur noch durch die Anzahl der Beschäftigten am Set.

 

Wie kann das sein, mag sich der eine oder andere nun ungläubig denken, mein Idol ist doch so nah dran an seinen Fans, so authentisch, so #real. Bezeichnenderweise sind es meist grotesk weit hinterherhinkende Medienschaffende, die Jahre zu spät in einem an Plattitüden und Heuchelei nicht mangelndem TV-Beitrag über die Authentizität und vermeintliche Nähe der ‚YouTube-Stars‘ schwärmen – welche ironischerweise dann oft schon ihre Haupteinnahmequelle weit weg von der Videoplattform umgelenkt haben, und von der nächsten Liftfasssäule für die Sparkasse grüßen, oder in miserablen VIVA-Formaten ihre Seele verkaufen.

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Ganz spezielle Zuschneidung auf die Bedürfnisse junger Erwachsener.

Eine TV-Produktion und ein Video eines sogenannten großen YouTubers unterscheiden sich nur noch durch die Anzahl der Beschäftigten am Set.

Exakt, Set: Denn die mehrere tausend Euro schweren Gerätschaften, von dem ultrarauschempfindlichen Mikrofon, dessen Hersteller man – wie bei allen anderen Produkten im Bild auch – auf seltsame Weise deutlich erkennen kann, bis zu vollkommen absurden Spezialwandanbringungen, die den Hall im Raum verringern sollen, fehlt wenig zu dem Budget oder Aufwand, das zumindest vor einiger Zeit für ein kleines TV-Set aufgewandt wurde.

Mal abgesehen davon, ist alles Weitere deckungsgleich mit der TV-Maschinerie: Ganz gleich ob es erbärmliche Schleichwerbung, die Arroganz gegenüber dem Zuschauer, das kreativitätstötende Fahren in den immer gleichen Schienen – Stichwort Thumbnails, Formate, ADHS-Jumpcuts, genormte Videolängen à 3-5 Minuten, ist.

Von Broadcast Yourself ist nichts mehr übrig, entweder man wird als passiver Zuschauer zum Schaf degradiert, das doch bitte einen Like und Kommi hinterlässt, um im Google-Algorithmus weiter vorne aufzutauchen, oder es gilt als aktiver Uploader: Broadcast doch bitte von TV-Konzernen gesteuerte Einheitsware und nicht yourself.

YouTube ist auf dem Level eines Marktschreiers angekommen, nur mit mehr SEO und online.

Es hat realsatirische Züge, wenn dann beispielsweise eine Marie Meimberg, ihres Zeichens ebenso heftig involviert in den Geschwüren des YouTube-Systems, sich in ihrem Stammtischformat gleichermaßen ausführlich wie oberflächlich an Selbstkritik versucht. Es sind überhaupt wie im sonstigen Leben auch die immer gleichen Mechanismen bei einer Debatte und/oder Skandal im YouTube-Kosmos: Viel Gerede ohne etwas zu sagen, das Gewissen ist wieder rein, und weiter Vollgas in den Abgrund. Es spielt keine Rolle ob das seitens eines MrTrashpack mittels seines an RTL2 erinnerndes Newsformat geschieht, oder eingangs durch BeHaind. Gerne würde man dieser sogenannten Community in diesen Momenten das Internet abschalten, hilfreicher als ihr kurzsichtiges Geblubber wäre es allemal.

Natürlich benutze ich YouTube noch, von der schlichten Suche nach einem Lied bis hin zu den klassischen Tutorials / Hilfen für XY. Charakteristisch für meine Nutzung ist jedoch eine gewisse Entpersonfizierung der Plattform, eine Ungebundenheit an ihre Abläufe und Hauptdarsteller. Ich suche nach spezifischen Inhalten, weitestgehend unabhängig von Abonnements, Personenkult oder dem umfassendsten roten Kreis auf dem Thumbnail der Wahl.

Schließen möchte ich folgerichtig mit einem praktischen Alltagstipp, den ich nur wärmstens empfehlen kann: Eine sechs- oder höherstellige Abonnentenzahl, und ein Kanal sollte weiträumig ignoriert werden. Die Ausnahmen dieser Regel sind kein Vergleich zur 99%igen Präzision, die zumindest ich mit dieser Regel erfahren durfte.

Fick Dich YouTube – eine Abrechnung